Bartóks Requiem

Heute ist Bela Bartók einer der meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Ikone der ungarischen Kultur. Als die Nazis auch in Ungarn an die Macht kamen, emigrierte er in die USA. Er beschrieb sich selbst als einen Völkerfreund. Doch es gibt ein verdrängtes Kapitel in seiner Jugend: Als junger Mann war er ein Nationalist.
Sein ganzes Leben wollte er in den Dienst Ungarns stellen. Er wollte eine ungarische Nationalmusik schaffen, die der deutschen Romantik ebenbürtig gegenüberstehen könne. Geäußert hat er sich nie zu den Gründen seines Wandels. Nur Zeitraum und Ort lassen sich fixieren: Bei seinen Reisen durch Siebenbürgen, in denen er mit einem Phonographen Lieder einfacher Bauern auf Wachswalzen aufnahm, muss dieser Wandel stattgefunden haben. In der Begegnung mit der ethnischen Vielfalt Siebenbürgens hat Bartók gelernt, die kulturellen Identitäten der unterschiedlichen Volksgruppen so zu achten, wie die der Ungarn. Gleichzeitig erkannte er die Gefahr, der die Dorfmusik ausgesetzt war. Die fortschreitende Modernisierung würde dazu führen, schrieb Bartók, dass die eigenständige Dorfkultur bald untergehen würde. Er war getrieben von dem Wunsch, so viel wie möglich dieser Kultur mit seinem Phonographen zu konservieren.
„Bartóks Requiem“ reist noch einmal auf Bartóks damaligen Reiserouten nach Siebenbürgen; um mit der Kamera Eindrücke festzuhalten, die Bartóks damalige Erlebnisse spiegeln; um Bartóks Wandlung vom Nationalisten zum Völkerfreund nachzuvollziehen. Der Regisseur Jan N. Lorenzen trifft Musiker und Bauern, die Bartók verehren und sich über die Erzählungen ihrer Großeltern an die Besuche Bartóks in ihrem Dorf erinnern. Noch hat sich in einigen wenigen Dörfern die traditionelle Kultur erhalten. Doch wie lange noch? Erneut stellt sich die Frage, ob die jahrhundertealten Lieder den Ansturm der Moderne überstehen oder ob sie von Folklore und Ethnopop vereinnahmt werden. Vielleicht wird die traditionelle Musik gar ganz vergessen. „Bartóks Requiem“ – ein bewegendes Dokument über einen drohenden Kulturverlust in der Mitte Europas.

Crew

Buch & Regie: Jan N. Lorenzen
Kamera: Peter Badel
Kamerassistenz: Kerstin Uhing
Schnitt: René Frölke
Licht: Ufuc Genz
Ton: Csongor Faszekas
Tonmischung: Matthias Schwab
Musiker: Ferenc Keskeny, Antal Kéménzy, Szilvia Nagy
Übersetzungen: Kinga Erös
Aufnahmeleitung: Kinga Erös, Zsoka Novak
Produktionsleitung: Peter Effenberg
Filmgeschäftsführung: Anne Fasshauer, Magdolna Poor
Produzenten: Olaf Jacobs, Gabor Sarudi

Produktion

Hoferichter & Jacobs GmbH Produktion in Koproduktion mit Quality Pictures Kft., Ungarn