Wer braucht den Osten? Politik | Wirtschaft | Gesellschaft

WER BRAUCHT DEN OSTEN?
Eine dreiteilige Doku-Reihe im MDR

Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, sollte alles so werden wie im Westen. Die gleiche Währung, die gleiche Wirtschaftsordnung, gleiche Parteien, gleicher Wohlstand – und das möglichst schnell. Doch heute ist klar: Deutschland ist nicht einfach größer geworden. Der Osten hat das gesamte Land verändert. Deutschland wählt anders, lebt und streitet unterschiedlich. Liegt es am Osten, dass es die Wahrheiten der alten Bundesrepublik heute so nicht mehr gibt.

Ostdeutschland ist Vorreiter für ein verändertes Wahlverhalten und vielerorts heftig artikulierte Unzufriedenheit, aber auch für gewaltige Veränderungen von Lebens- und Arbeitswelten. Bleibt der Osten das ewige Sorgenkind der Nation oder bietet sich durch ihn die Chance, alte Denkmuster zu überwinden, Neues zu etablieren? Weckt der Osten gerade den Westen auf? Wer braucht diesen Osten? Die dreiteilige Dokumentation geht diesen Fragen nach.

Teil 1: POLITIK (29.05. | 22.05Uhr | MDR)

Bei den Bundestagswahlen 2017 haben Ost und West so unterschiedlich gewählt wie noch nie. Während 1990 in der ganzen Bundesrepublik ähnliche Koalitionen bevorzugt wurden, wäre jetzt eine große Koalition alleine mit den Ergebnissen in Ostdeutschland ebenso wenig machbar wie „Jamaika“. Der Osten hat mit fast 50 Prozent eine Mehrheit aus CDU und AfD gewählt.

Im Stammland der Ost-CDU, im einst von „König Kurt“ Biedenkopf mit fast 60 Prozent Stimmen regierten Sachsen, fuhr die AfD mehr Stimmen ein als die CDU. Der 88-jährige Biedenkopf mag nicht mehr nur zusehen, wie „sein Sachsen“ sich entwickelt und zieht nun wieder von Bayern nach Dresden, um aufzurütteln.

Die Parteienbindung in den neuen Bundesländern ist deutlich geringer als im Westen, die Gesellschaft überaltert. Und es ist die Vergangenheit, die immer wieder zur Gegenwart wird: die Sehnsucht nach „Runden Tischen“ wie damals in den Wendemonaten, nach mehr direkter Demokratie, die Skepsis gegenüber „denen da oben“. Experten halten den Osten Deutschlands für einen Seismographen gesellschaftlicher Beben, die bald ganz Deutschland erreichen könnten.

Der Film „Wer braucht den Osten?“ skizziert Antworten: Dieser Osten wird gebraucht, mit all seinen Brüchen, Erfahrungen, Irrwegen und Lösungsansätzen für die Zukunftsfragen des gesamten Landes. Zu Wort melden sich Politiker wie Kurt Biedenkopf und Menschen, die sich aus Enttäuschung über das etablierte Parteiensystem politisch engagieren, auch in ganz neuen Bürgerbewegungen, die den Geist von 1989 atmen.

Teil 2: WIRTSCHAFT (05.06. | 22.05Uhr | MDR)

1990 scheint die Wirtschaft des Ostens für den Westen so unbrauchbar wie der Trabant. Alles wird neu geordnet – nach den politischen und wirtschaftlichen Vorgaben des Westens. Doch der Osten bleibt attraktiv, und zwar als Markt, den die gut aufgestellte Westwirtschaft problemlos mit versorgen kann. Die Folgen der kompletten Deindustrialisierung Ostdeutschlands sind bis heute spürbar. Die Ostwirtschaft ist kleinteilig, schwach, forschungsfern – die Steuereinnahmen der Länder und Kommunen reichen an den meisten Orten für kaum mehr als die Hälfte der notwendigen Ausgaben. Ein Ende der Transferleistungen in den Osten ist nicht in Sicht. Ost- und Westwirtschaft sind weit voneinander entfernt.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Es haben sich mehr Unternehmen entwickelt als viele denken. Kleinere, mittelständische Strukturen prägen das wirtschaftliche Gesicht des Ostens. Allerdings hätten es noch viel mehr sein können. Einer der Star-Ökonomen dieses Landes, Professor Hans-Werner Sinn, kann bis heute seine Erregung kaum zurückhalten, wenn es um die Politik von Staat und Treuhand nach dem Ende der DDR geht. Noch heute bedauert er aus ökonomischer Sicht die fatalen Fehler und vertanen Chancen der Wendezeit, weil das Eigentum der DDR eben nicht an Ostdeutsche verteilt und nur selten an sie verkauft worden ist. Das Ergebnis war eine in der Menschheitsgeschichte einmalige Deindustrialisierung, die am Ende  zum Umbau von Arbeitswelt und Gesellschaft im gesamten Land führt: Leiharbeit, prekäre Beschäftigung und Hartz IV wären ohne das Labor Ost kaum denkbar.

Trotz der widrigen Wettbewerbsbedingungen haben Menschen im Osten sich durchgesetzt: Es gibt sie, die Helden des Aufbaus Ost. Menschen, die heute dafür sorgen, dass Raumschiffe an die ISS andocken und Autos mit Wasserstoff fahren können, Hidden Champions, die auf dem Weltmarkt gesucht werden, die der Inbegriff dafür sind, wie sehr ein Landstrich kreative Köpfe braucht. Sie zeugen von Selbstbewusstsein, Dynamik, Konkurrenzfähigkeit und von Stolz auf das Geleistete.

Teil 3: GESELLSCHAFT (12.06. | 22.05Uhr | MDR)

Der Umbruch in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Ostdeutschland war umfassend und radikal. Oberflächlich betrachtet sieht der Osten heute aus wie der Westen. Wenig blieb von den Strukturen der alten DDR. Doch 28 Jahre nach der Einheit wird deutlich, dass der Osten noch immer anders tickt, ganz Eigenes hervorgebracht hat, und dass mehr geblieben ist, als der grüne Pfeil an der Ampel. Manches, was zunächst aIs gestrig abgelehnt wurde, hat heute Eingang in den Alltag des gesamten Landes gefunden: Die Diskussion um einheitliche Bildungsstandards, Kitas und Krippen, die Selbstverständlichkeit, dass Frauen auch mit Kindern in Vollzeit arbeiten, die professionelle Sportförderung oder die neuen Medizinischen Versorgungszentren, die seit 2004 per Gesetz den Geist der alten Polikliniken der DDR zum Leben erwecken.

Der Einfluss des Ostens wird immer öfter sichtbar: Waren in Westdeutschland in den 1980ern nur sechs Prozent aller Kinder unter drei Jahren in der Krippe, sind es heute fast ein Drittel. Prägend für das gesamte Land ist auch die reiche Kultur- und Naturlandschaft Ostdeutschlands. Die Straße der Romanik, das Meißner Porzellan, die Uhrentradition in Glashütte, Weimar und Dresden, zahllose mittelalterliche Burgen. Von den 16 Nationalparks liegen allein sieben im Osten. In der Müritzregion, in der Anfang der 1990er-Jahre eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, sind der Nationalpark und der Tourismus heute die wirtschaftliche Basis. Durch Umbrüche ist Neues entstanden.

Bei allen politischen Differenzen, kulturellen Eigenheiten und wirtschaftlichen Ungleichgewichten – Ost und West nähern sich an, in Lebensstil und Einstellungen. Und doch brauchen und bewahren die Menschen in Ostdeutschland auch die Erinnerungen an ihr untergegangenes Land. Der Osten ist Heimat und Identität.

Crew

WER BRAUCHT DEN OSTEN?
Teil 1: Politik | Teil 2: Wirtschaft | Teil 3: Gesellschaft

EIN FILM VON
Ariane Riecker und Dirk Schneider

MITARBEIT
Inga Brantin (Teil 3)

KAMERA
Jörg Junge
Thomas Keffel
Marc Voigt

DROHNE
Jörg Weimann
Daniel Liepke

TON
Kai Hesselbarth
Ullrich Menges
Claus Stoermer
Jonathan Skorupa
Christian Carl

SCHNITT
Ole Eicker
Claudia Nagel
Ferenc Stobäus

MISCHUNG
Johannes Ramson
Tim Fischer
Marcus Wilhelm

MUSIK
Eike Hosenfeld
Moritz Denis

GRAFIK
Maxim Knorz
Bianca Pointner
Sarah Pertermann

RECHERCHE
Gundula Fasold
Martin Kopplin

SPRECHER
Frank Arnold
Beatrix Hermens

Produktion

WER BRAUCHT DEN OSTEN?
Teil 1: Politik | Teil 2: Wirtschaft | Teil 3: Gesellschaft

PRODUKTIONSLEITUNG
Kathrin Lemcke
Frank Seidel (MDR)

PRODUKTIONSASSISTENZ
Franziska Linne
Theresa Schwark

PRODUZENT
Olaf Jacobs

REDAKTION
Silke Heinz

Eine Koproduktion der Hoferichter & Jacobs GmbH mit dem MDR
© MDR / Hoferichter & Jacobs GmbH 2018              

Ausstrahlungstermine

29. Mai 2018
22:05 Uhr
MDR
3. Juni 2018
22:00 Uhr
MDR / ZEITREISE Spezial
5. Juni 2018
22:05 Uhr
MDR
12. Juni 2018
22:05 Uhr
MDR